Was soll mein Kind bloß werden?

Wie die Berufliche Orientierung in den Schulen im Münsterland integriert ist und welche Rolle die Eltern dabei spielen

KAoA? StuBo? – Was haben diese Abkürzungen mit der Berufsorientierung im Münsterland zu tun? Es ist gar nicht so einfach als Elternteil einen Überblick über die Berufliche Orientierung der eigenen Kinder zu bekommen – schließlich hat sich einiges in Sachen Berufswegplanung in den letzten Jahren verändert. Neben der Einführung neuer Schlüsselbegriffe zieht sich das Thema heute viel mehr durch die Schulzeit als früher. Um das eigene Kind optimal im Übergang von der Schule ins Berufsleben zu unterstützen, ist es daher sehr hilfreich Klarheit über die Berufsorientierung in den Schulen zu bekommen.

Der Begriff KAoA begegnet einem förmlich von allen Seiten wenn man sich über die Berufsorientierung in Münster und Umgebung informieren möchte. Der ständige Gebrauch der Abkürzung wird natürlich nicht ohne Grund immer im Zusammenhang mit der Beruflichen Orientierung verwendet - denn KAoA steht für die Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ im Übergangssystem Schule-Beruf des Landes NRW. In der Initiative geht es vor allem darum Schülerinnen und Schüler bei der Berufs- und Studienorientierung zu unterstützen und den Jugendlichen zu helfen eine Anschlussperspektive für eine Berufsausbildung oder ein Studium zu bekommen. 

Alle Schulen in Münster, Kreis Borken, Coesfeld, Steinfurt und Warendorf orientieren sich im Prozess der Beruflichen Orientierung an die von KAoA gestellten Standardelemente. An jeder Schule ist mindestens eine Lehrkraft Koordinator für Berufliche Orientierung (StuBo-Koordinator), der dafür sorgt, dass diese Standardelemente in der Schule eingegliedert werden und die Berufliche Orientierung somit dauerhaft verankert wird. Die einzelnen Schritte der Berufsorientierung werden wie folgt ab der Jahrgangsstufe 8 im Lehrplan integriert:

Klasse 8: Potentiale erkennen und Berufsfelder kennen lernen 

Zu Beginn der Berufsorientierung geht es für die Schüler darum sich mit ihren Talenten und Wünschen, Interessen und Neigungen zu beschäftigen. Die Potentialanalysen sind dabei ein wichtiger Bestandteil für die Schüler. Handlungsorientierte Übungen und eine Selbst- und Fremdeinschätzung helfen den Jugendlichen ihre persönlichen Potentiale zu entdecken. Eine geschlechtsneutrale Sichtweise soll ihren Blick unvoreingenommen auf ihre fachlichen, methodischen, sozialen und personalen Potentiale richten. Die Ergebnisse der Potentialanalyse werden mit jedem Schüler individuell besprochen und dienen vornehmlich der Selbstreflexion und Selbstorganisation als einer Vorfestlegung auf einen bestimmten Beruf. Die Jugendlichen sollen ihre Entscheidungs- und Handlungskompetenz kennenlernen und sich bewusst über die nächsten Schritte in der Erkundung ihres Berufswunsches werden.

Die Berufsfelderkundung kann den Schülern ebenfalls dabei helfen, sich selbst zu entdecken. Durch das Kennenlernen der verschiedenen Berufsfelder bekommen die Jugendliche realistische Vorstellungen und werden dazu angeregt, ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln. Die Schüler haben bei der Berufsfelderkundung die Möglichkeit in mindestens drei Berufsfeldern einen praktischen Einblick zu bekommen. Anknüpfend binden die Lehrkräfte die Erfahrungen der Berufsfelderkundungen sinnvoll an die Erkenntnisse der Potentialanalysen an. Die Schüler werden somit angeregt, ihre Potentiale in Bezug auf die betrieblichen Erfahrungen zu reflektieren und Berufsfelder einzugrenzen.

Klasse 9: Praxis der Arbeitswelt erproben 

Nachdem die Schüler Berufsfelder eingegrenzt haben, die sie interessant finden, gilt es nun einen tieferen Einblick in die Arbeitswelt zu bekommen. Das Betriebspraktikum dient ihnen dabei sich über einen 2- bis 3-wöchigen Zeitraum mit ihren eigenen Fähigkeiten und den betrieblichen Anforderungen auseinander zu setzen. Dies kann in der Jahrgangsstufe 9 oder 10 geschehen. Schulen mit gymnasialer Oberstufe können das Betriebspraktikum auch in die Sekundarstufe II legen.

Ab Klasse 9/10: Entscheidungen konkretisieren und Übergänge gestalten

Nach dem Betriebspraktikum ist es für die Schüler wichtig, aus den bisherigen Erkenntnissen der Beruflichen Orientierung Klarheit über den weiteren Lebensweg zu bekommen. Möchte ich einen Beruf erlernen? Oder mich schulisch weiterbilden? Worauf möchte ich meinen Schwerpunkt in der Sekundarstufe II legen? In der Entscheidungsfindung können vor allem Lehrer, Eltern und Berufsberater den Schülern weiterhelfen. Koordiniert wird der Übergang innerhalb der Kommunen des Münsterlandes von verschiedenen Akteuren: Schulträger, Schulen, Jugendhilfe, die Berufsberatung der Agentur für Arbeit, Hochschulen, Kammern, Verbände der Wirtschaft und Gewerkschaften können eine wichtige Rolle in der Zukunftsplanung der Jugendlichen spielen.

Sek II: Hochschulen und Studienwege erkunden

Falls sich der Jugendliche für das Abitur oder Fachabitur entschieden hat, steht in der Sekundarstufe II die Frage offen, ob es mit der allgemeinen Hochschulreife in eine Ausbildung, ein Studium oder ein duales Studium gehen soll. Hier ist es besonders wichtig, dass die Schüler sich weiter mit ihrer Persönlichkeit, ihren Zielen und Wünschen auseinandersetzen um zu erkennen ob der theoretische oder praktischere Weg passend für sie ist.

Entscheidungen konkretisieren und Übergänge gestalten

Spätestens zum Ende der Sekundarstufe II müssen die Jugendlichen eine Entscheidung über ihre berufliche Zukunft getroffen haben. Auch hier können ihnen wieder die Schulen, externe Berater und die eigenen Eltern behilflich sein. Immer im Auge zu behalten sind dabei wichtige Fristen für bspw. die Einschreibung an Hochschulen oder Bewerbungseingänge in Unternehmen. 

Falls der Schüler den Wunsch hat eine duale Ausbildung zu beginnen, steht dann besonders im Fokus ein Unternehmen zu finden, welches zu ihm passt. Dies kann mit einer klassischen Bewerbung oder durch eine Direktansprache seitens des Unternehmens mithilfe eines authentischen Bewerberprofils ihres Kindes auf Öffnet internen Link im aktuellen Fensterazubi-me geschehen. Neben den aktuellen Bewerbungsunterlangen kann Ihr Kind Ausbildungsberufswünsche angeben, umso von Unternehmen für bestimmte Berufe begeistert und angesprochen zu werden. Zusätzlich hat der Schüler auf Öffnet internen Link im aktuellen Fensterazubi-me die Möglichkeit seine Persönlichkeit in einem Video zu zeigen. Die Personalabteilung kann so entscheiden, wie gut der Kandidat zum Unternehmen passt. Für den Schüler besteht so eine höhere Wahrscheinlichkeit von einem Unternehmen gefunden zu werden, in dem er sich auch wirklich wohlfühlen wird.

Neben der landesweiten KAoA-Initiative gibt es auch KAoA-STAR-Standardelemente, die auf die besonderen Bedürfnisse von Jugendlichen mit Handicaps eingehen. Zusätzlich zu der Potenzialanalyse, den Berufsfelderkundungen und Praktika besteht je nach behinderungsspezifischem Bedarf die Möglichkeit weitere Elemente wie bspw. Berufsorientierungsseminare oder arbeitsplatzbezogenes Kommunikationstraining zu nutzen. Die Jugendlichen werden Bei KAoA-STAR von Mitarbeitern des Integrationsfachdienstes während ihres gesamten individuellen Berufsorientierungsprozesses unterstützt.

Die Rolle der Eltern in der Berufsorientierung

Bei all der staatlichen Unterstützung in der beruflichen Zukunftsplanung des Nachwuchses stellt man sich als Elternteil die Frage, wie man sein Kind am besten zur Seite stehen kann.

Grundsätzlich soll die Berufliche Orientierung durch die jungen Menschen selbst bearbeitet werden, da es ein sehr persönlicher Prozess ist und die Kinder sich ohne Außeneinwirkung über ihre beruflichen Wünsche bewusst werden sollen. Jedoch brauchen Kinder ihre Eltern an der Seite um das Beste aus sich herauszuholen und in ihrem Weg unterstützt zu werden. Eltern sollten dementsprechend nicht durch Bewertungen über ‚richtige‘ oder ‚falsche‘ Berufswahlen den Jugendlichen lenken oder beeinflussen. Viel hilfreicher ist es, wenn Mutter und Vater als unterstützende Rolle in dem Prozess für das eigene Kind da sind. Sie sollten also immer für Fragen ansprechbar sein, dabei helfen Informationen zu beschaffen, Ergebnisse zu interpretieren und Rückmeldungen über Fähigkeiten und Interessen geben. Kinder, die im Elternhaus emotional und sozial unterstützt wurden, zeigen ein höheres Engagement in der Beruflichen Orientierung, haben weniger das Gefühl Hürden zu haben und eine größere Chance ihre Ziele tatsächlich zu realisieren.

Wie kann ich ganz konkret mein Kind unterstützen?

Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass der perfekte Berufswunsch nicht von heute auf morgen zugeflogen kommt. Die Berufswunschentwicklung der Jugendlichen ist ein Prozess mit mehreren Etappen. Auf welchen Stufen sich die Kinder befinden ist sehr unterschiedlich, denn nicht jedes Kind hat sich bis zu dem Zeitpunkt bereits mit den beruflichen Wünschen befasst – was völlig ok ist. Außerdem ist die Berufsorientierung kein linearer Prozess, sondern verhält sich dynamisch und kann mal vorwärts, rückwärts oder seitwärts gehen. Dementsprechend können sich Jugendliche einer Altersstufe mit unterschiedlichen Themen der Berufsorientierung beschäftigen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf ist der erste Schritt für der Eltern zu erkennen an welchem Punkt sich der eigene Sohn oder die eigene Tochter befindet und welches nächste Ziel gemeinsam angegangen werden kann.

1. Ziel: Die Vision finden

In dieser Etappe geht es für die Jugendlichen vor allem darum eine grobe Richtung für die berufliche Zukunft zu finden. Möchte ich mit Menschen arbeiten? Kreativ sein? Mit Zahlen umgehen? Eltern können hier eine gute Hilfestellung sein indem sie die Tochter oder den Sohn zum Nachdenken und Sprechen anregen, Fragen stellen oder einfach da sind, wenn Gesprächsbedarf besteht.

2. Ziel: Konkreter Berufswunsch

Im nächsten Schritt ist es wichtig aus einer diffusen Vorstellung einen konkreten Berufswunsch zu entwickeln. Eltern können den Jugendlichen mit einschlägigen Fragen unterstützen sich intensiver mit dem Beruf zu beschäftigen: Was genau meinst du damit? Welche Aufgaben stellst du dir genau vor? Was meinst du wo so ein Beruf ausgeübt wird?

3. Ziel: Berufswunschspektrum erweitern

Viele junge Menschen haben ein sehr enges Berufswunschspektrum und konzentrieren sich auf die gleichen Ausbildungen oder Studiengänge. Dementsprechend kann in einem weiteren Schritt dafür gesorgt werden, dass die Jugendlichen die weiteren beruflichen Möglichkeiten kennenlernen. Eltern können ihre Kinder dabei ermutigen Erfahrungen zu sammeln, nach links und rechts zu schauen und ihnen erlauben mutig zu sein und sich auszuprobieren. Für einen jungen Menschen ist es sehr wertvoll die Sicherheit zu haben, sich in Ruhe orientieren zu dürfen um einen Beruf zu finden, der zu ihm passt.

4. Ziel: Für Alternativen sorgen

Wenn Schüler an dem Punkt sind, wo sie einen Berufswunsch gefunden haben, können sie oft nur genau einen benennen. Die Jugendlichen können in dieser Phase von ihren Eltern unterstützt werden sich einen Plan B oder C zu suchen. Neben alternativen Berufswünschen, sind auch die alternativen Ausbildungsmöglichkeiten wie eine duale Ausbildung, ein Studium oder ein duales Studium anzusprechen.

5. Ziel: Plan erstellen

Nachdem ein favorisierter Beruf gefunden wurde, ist es wichtig gemeinsam mit dem Jugendlichen über den Weg bis zum Ausführen des Berufes zu sprechen. Oft sind die genauen Meilensteine und Zwischenziele nicht bekannt und müssen durch Recherche in Erfahrung gebracht werden. Auch das Timing von bspw. Bewerbungsfristen oder entsprechende Vorbereitungen ist ein Thema mit dem die Jugendlichen manchmal Probleme haben.

Die Berufliche Orientierung ist ein wichtiger Prozess in der Entwicklung junger Menschen, da sie richtungsweisend für den späteren Lebensweg ist. Eltern machen sich oft Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und möchten neben den Vorbereitungen in der Schule ihre Kinder möglichst hilfreich in diesem Phase zur Seite stehen. Sie spielen dabei keine unwichtige Rolle – im Gegensatz: sie können einen großen Beitrag zur beruflichen Erkundung geben, wenn sie wertschätzend, ermutigend und unterstützend gegenüber ihrem Kind sind.

Quellen:

www.berufsorientierung-nrw.de/start/index.html 

www.mags.nrw/uebergang-basisinformationen